Geschichte der Hainkirche St. Vinzenz

Während des 6.Jahrhunderts siedelte sich im Gebiet der unteren Weißen Elster der westslawische Volksstamm der Sorben an. Sie waren hier Randbewohner des ostfränkisch-deutschen Reiches und wurden seit dem 10.Jahrhundert christianisiert. Einen frühen kirchlichen Mittelpunkt bildete dabei die Großpfarrei St. Alban in Schkeuditz. Sie reichte im Westen wenigstens bis nach Oberthau und im Osten anfänglich bis nach Wahren. Als im 11./12.Jahrhundert ein wachsender Zustrom deutscher Kolonisten einsetzte, begann man, das damals noch ausgedehnte Wildland zu roden.
Ein Beispiel aus dieser Zeit ist auch die Gründung von Hänichen. Eingeschoben zwischen die sorbischen Weiler Modelwitz (Ort im feuchten Gelände) und Quasnitz (Siedlung auf saurem Boden) wurde ein kleiner Hagen (gehegter Ort; 1337: Heynigen, 1431: Heynichen) angelegt. Zu ihm gehörte nach dem Verständnis der Neusiedler auch der Bau einer Kirche. Obwohl zumindest später ein eigener Pfarrer nachzuweisen ist, behielt sie eine rechtliche Abhängigkeit von der Pfarrei Schkeuditz bis in das 19.Jahrhundert. Ursprünglich zählten zur Kirche Hänichen neben Quasnitz außerdem die zwei im Mittelalter wieder wüst gewordenen Siedlungen Heide und Kalter Born (hier auch schon sorbische Funde).
Nachdem vielleicht zuerst eine Holzkirche errichtet worden war, ist um 1200 ein Steinbau nachweisbar, der mit Veränderungen bis in unsere Zeit besteht. Von ihm erhalten haben sich – jetzt wieder innen im Sockelbereich zu sehen – weithin die Wände des Kirchensaales und in ihnen – in einem Fall umgesetzt – vier originale romanische Fenster.

Romanisches Fenster in der Westfassade,
seltene Anfertigung aus einem einzigen Werkstück


Das ebenfalls originale steinerne Rundbogenfeld über dem Eingang von Norden ging bei der Kirchenerweiterung von 1906 verloren.
Der erste Steinbau hatte keinen Turm und stand etwas hangseitig auf einer leichten Anhöhe zur Elsteraue. Die vorhandenen Baumerkmale sprechen nicht für eine Wehrkirche. Das trifft auch für die zunächst auffälligen Geländeabgrabungen westlich und vor allem nördlich der Kirche zu. Sie sind in der Hauptsache auf verkehrs- und bautechnische Eingriffe späterer Zeit zurückzuführen. Die Funktion einer letzten Zuflucht hat einst aber das Kirchengebäude zweifellos besessen.
Eine nachhaltige Veränderung erlebte der Baukörper erstmals in der Spätgotik. Unklar bleibt, ob die Neuweihe des Altars am sechsten Tag nach Jubilate 1321 (16.05.1321), dessen Urkunde übrigens den hl. Vinzenz von Saragossa als persönlichen Schutzpatron der Kirche nennt, als eine Folge von Baumaßnahmen anzusehen ist.

Mit Sicherheit sind diese jedoch dann aus der Zeit um 1480 zu erkennen: Der Altarraum wurde nach Osten verlängert, mit fünf großen Fenstern ausgestattet und außen durch Strebepfeiler gestützt. Innen an der Nordwand stellte man ein steinernes Sakramentshaus auf und fügte außerdem eine Sakristei mit eigenem Altar an. Ihr ursprüngliches Türblatt hat sich bis heute erhalten und befindet sich seit 1906 im Zugang zur Nordempore.

ehemalige Sakristeitür – Innenseite
ehemalige Sakristeitür – Außenseite

Über die Qualität des damals üblichen Flügelaltars ist nichts überliefert. Wie die archäologische Grabung von 2009 nahe legt, waren an der Ostseite des Kirchenschiffs vermutlich drei Nebenaltäre mit solidem steinernen Unterbau aufgestellt.
Vergrößert wurden gleichfalls die Fenster im Saal. Hinzu kam – bis 1906 immer wieder eine bautechnische Herausforderung – ein kräftiger achteckiger Dachreiter. Für ihn ist 1494 der Guss einer kleinen, vielleicht dritten Glocke erwähnt.
Im 16. und 17. Jahrhundert – die Kirchrechnungen liegen seit 1624 vor – wurden mehrfach Verbesserungen und Reparaturen durchgeführt. Entscheidend für die Dauerhaftigkeit des Gebäudes war vor allem aber die große Rekonstruktion von 1696 bis 1704. Nacheinander erneuerte man damals das Dach, überholte den Dachreiter, erweiterte die Emporenanlagen, schaffte erstmals eine Orgel an und vollendete die Umgestaltung durch den Erwerb eines modernen barocken Altaraufsatzes.
Notwendige größere Renovierungen schlossen sich 1740, 1824, 1847 und 1874 an.

Ansicht von Norden 1847 bis 1906

Als sich jedoch bald nach 1900 die Bauschäden wiederum häuften, entschied man sich nicht nochmals für eine Erneuerung, sondern wünschte den Umbau des bisherigen Baukörpers. Das entsprach der veränderten örtlichen Situation, denn inzwischen reichte von Leipzig aus die Straßenbahn bereits bis Lützschena, und in Quasnitz und Hänichen zeichnete sich ein deutlicher Bevölkerungszuwachs ab. Die Ausführung des Projekts wurde dem bekannten Architekten Conrad Hermsdorf (1872-1944) übertragen, einem Schüler von Arwed Rossbach (1844-1902). Hermsdorfs großzügiges, teilweise an frühgotische Formensprache angelehntes, Konzept verlieh 1906 der Kirche die Gestalt, wie sie sich mit wenigen Einschränkungen bis heute zeigt:
Statt des Dachreiters bekam die Kirche einen markanten Turm. Angefügt wurden ebenfalls zwei Querschiffe, zugleich die ehemaligen Emporen ersetzend und zugänglich durch zwei eigene Treppenaufgänge, sowie eine Sakristei an anderem Ort. An die Stelle der Flachdecke trat eine Holztonne in brauner Tönung, verziert durch eine dezente Bemalung. Sie gab zusammen mit den von Gemeindegliedern gespendeten Glasgemäldefenstern dem Innenraum eine warme und harmonische Stimmung. Der Bereich des Altarraums, in dem auch weiterhin der farbig etwas veränderte Barockaltar stand, wurde gemeinsam mit dem jetzt rückversetzten Triumphbogen durch dekorative und figürliche Schablonenmalerei hervorgehoben. Motive und Farbkraft erinnerten – dem Zeitgeschmack verpflichtet – an die Innenausstattung bekannter Kirchen in Ravenna und Rom. Zum Schluß wurde 1913 noch eine neue Orgel aufgestellt.

Erntedankfest 1959

Das um 1930 gewandelte Stilempfinden hatte zur Folge, dass man bei einer weiteren Renovierung, wie sich 2009 während der Restaurierung herausstellte, unter Zurückdrängung des Jugendstils erstmals die Ausmalung vereinfacht hatte. Später, in der auch wirtschaftlich schwierigen DDR-Zeit, stellte die Erhaltung der Hainkirche zunehmend ein Problem dar. Dabei trat erschwerend hinzu, dass die seit 1934 zusammengelegten Kirchgemeinden Hänichen und Lützschena stets die doppelte Baulast von Hainkirche und Schloßkirche zu tragen hatten. Die Maßnahmen der Jahre 1963 und 1973/74 konnten zwar den schlimmsten Verfall aufhalten, brachten aber der Hainkirche trotzdem Verluste in der Ausstattung (Reduzierungen am Baukörper, der Abbau von Altar und Kanzel).
Erst seit der Friedlichen Revolution von 1989 ergaben sich neue Möglichkeiten. Zunächst konnten 1999 die aufwändige Sanierung des Turmbereichs und 2002 die des Dachs abgeschlossen werden. Gleichfalls wurden die inzwischen sehr kostbaren Glasgemäldefenster zusätzlich geschützt. Darauf folgte seit 2008 hauptsächlich die Renovierung des Innenraums. Sie versuchte, möglichst viel der originalen Ausstattung für die Zukunft zu bewahren.

Krippenspiel der Christenlehrekinder im Jahr 2009,
als die Hainkirche Baustelle war.
Mit Stroh wurde sie zum Stall von Bethlehem dekoriert.

Dabei berücksichtigte man auch die seit 1906 erheblich veränderten Formen des Gemeindelebens. So zählte es zu den praktischen Neuerungen, dass das alte Bankgestühl zwar beibehalten wurde, jetzt jedoch zum Teil variabel eingesetzt werden kann. Außerdem wurde ein zentral aufgestellter Abendmahlstisch eingeführt.

Abendmahlstisch,
180 cm x 95,5, cm x 65 cm,
Material: Eiche

Im Mai 2011 nahm die Gemeinde, ungeachtet einiger noch anstehender Restarbeiten, die erneuerte Kirche dankbar wieder in Besitz.
Die Genralsanierung der Orgel konnte 2022 in Angriff genommen und zum Reformationsfest des gleichen Jahres abgeschlossen werden. Dieses, im Jahre 1913 von der Firma Gebrüder Jehmlich geschaffene und durch den damaligen Thomaskantor, Prof. Karl Straube, abgenommene Instrument befindet sich noch im Originalzustand und war von 2008 bis 2022, ist auf Grund diverser Schäden nicht bespielbar.

Als nächsten Projekt steht nun der Ersatz der nach dem 2. Weltkrieg organisierten Eisenhartgussglocke an, die mit über 80 Jahren nun ihre Lebensdauer erreicht hat. Bis zur Ablieferung im Jahr 1943 befand sich im Turm ein Dreiergeläut.

Architektenzeichnung von Conrad Hermsdorf von 1906. Im Turm ist die Glockenstube mit drei Glocken zu sehen.

Die Hainkirche St.Vinzenz, heute das älteste Baudenkmal von Lützschena, bittet daher auch um Ihre Mithilfe bei der Erneuerung des Geläuts und dem weiteren Erhalt des Gebäudes:

Kirchenbezirk Leipzig
IBAN: DE46 3506 0190 1620 4790 43
BIC: GENO DE D1 DKD, KD-Bank
Verwendungszweck: RT 1924 – Hainkirche St. Vinzenz

Wir bedanken uns für Ihre Unterstützung und stellen gern auch eine Spendenquittung aus.

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